03.08.2022 – Kategorie: Produkte & Lösungen

Die Gasversorgung der deutschen Wirtschaft: Abhängigkeiten verringern, Klimaneutralität wahren

In einer zweiteiligen „Mini-Serie“ setzt sich Pavel Kusch, ein erfahrener Kenner des „Gesamtszenarios Energie“ in Deutschland und Europa, mit den fundamentalen Fragen auseinander, die sich allen Unternehmen und ihren Verantwortlichen heute stellen. Mehr zu unserem Autor am Ende des Texts. Im vorliegenden Teil 1 stellt Kusch in vier Modulen die wesentlichen Aufgaben dar, die Unternehmer und Energieverantwortliche in fast allen deutschen Industriebetrieben kurz- und mittelfristig lösen müssen, um ihre Unternehmen „energetisch zukunftssicher“ zu machen. Der Teil 2 zeigt die Möglichkeiten zur operativen Umsetzung auf – und die wichtigsten Fördermöglichkeiten dafür. Er folgt im September 2022.

Die Sicherheit der Gasversorgung in Deutschland ist auf lange Sicht alles andere als stabil. Reduzierte Gasflüsse aus Russland und die drohende Gasmangellage haben das Thema stark sensibilisiert. Dies betrifft sowohl die privaten Haushalte in Deutschland (rund 50 Prozent davon heizen mit Erdgas) als auch die große Mehrheit der Industrie- und Gewerbeunternehmen.

Für die Verantwortlichen vieler Industriebetriebe stellen sich damit ernste, ja existenziellen Fragen: Wie geht es weiter mit der Gasversorgung? Kommt es zur Reduzierung des Gasflusses oder gar zu einer kompletten Einstellung meiner Gasversorgung im Herbst oder Winter? Was bedeutet das für meine Produktion und mein Unternehmen? Und vor allem: Was kann, was muss ich als Verantwortliche(r) tun – und wie schnell muss ich reagieren?

Die Krise der Gasversorgung trifft die gesamte Wirtschaft

Speziell Industrieunternehmen, die in ihren Produktionsprozessen stark abhängig sind vom Erdgaseinsatz, beschäftigen sich seit Monaten unentwegt mit Fragen der Liefersicherheit. Aber Vorsicht: Es sind nicht nur die „großen Gasverbraucher“, die allen Grund haben, sich Sorgen zu machen: Auch Unternehmen mit geringer Gasabhängigkeit, ja sogar diejenigen, die gar kein oder kaum Erdgas beziehen, müssen lernen, umzudenken. Denn auch sie sind Teil eines anfälligen, in seiner Funktion massiv bedrohten Energie-Gesamtsystems.

Zum einen kann der Gasfluss einzelner Leitungen schnell zum Erliegen kommen, sollte in den Wintermonaten nicht genügend Erdgas im System sein. Im Falle einer echten Gasmangellage kann die Bundesnetzagentur als zuständige Behörde die Großabnehmer gezielt abriegeln. Weitet sich die Mangellage aber aus, so wird auch die Bundesbehörde nicht immer zwischen den verschiedenen Verbraucherkategorien unterscheiden können. Somit kann es zu Lieferunterbrechungen auch bei Unternehmen mit einem nur geringen Gasabsatz kommen. Und auch diese Ausfälle könnten die üblichen Produktions- und Geschäftsprozesse ganz erheblich stören.

Die Gesamtlänge aller deutschen Erdgasnetze beträgt mehr als 500.000 Kilometer. Über die zwei großen Pipeline-Anschlussstellen aus Russland in Greifswald und Waidhaus kommt im Normalfall der Großteil des hierzulande verbrauchten Gases an. Derzeit liegt die reale Lieferung pro Monat nur bei rund 20 % der möglichen Kapazität (Juli 2022).

Je knapper das Gas, desto höher die Preise – für alle Energieformen

Ein Problem, das gar nicht mehr abwendbar ist, werden für den Großteil aller Unternehmen die immer höheren Preise. Die Kosten für Energie sind rasant gestiegen und haben die Inflation in Deutschland auf mehr als 7 Prozent getrieben. Der Gaspreis ist schon jetzt auf einem sehr hohen Niveau und dürfte in einer Gasmangellage noch erheblich zulegen.

Aber auch der Strompreis ist – unter anderem durch die hohen Preise für Kohle und Erdgas – stark angestiegen. Die Terminmarktkontrakte für Strom für das Jahr 2023 werden an der Strombörse EEX in Leipzig um rund 300% höher gehandelt als noch zu Jahresbeginn. Längst nicht alle energiebedingten Preiserhöhungen aber lassen sich an die Kunden weitergeben. Darum müssen sich auch Unternehmen, die kein oder nur minimal Erdgas verbrauchen, ernsthaft Gedanken um die Absatzfähigkeit ihrer Produkte und Dienstleistungen machen.

Energiewirtschaft im Umbruch – lange vor Putins Würgegriff

Die Energiewirtschaft steckt schon lange in einem fundamentalen Veränderungsprozess. Russlands Spiel mit dem Gashebel verstärkt im Grunde nur den Druck. Getrieben aber wird der Prozess durch die globale Klimakrise mit ihren immer deutlicher spürbaren Auswirkungen – und durch das Nachhaltigkeitsversprechen einer CO2-Reduzierung bzw. -Neutralität. Doch dieser Treiber scheint aktuell ein wenig in den Hintergrund zu treten. Die hohen Energiekosten und die nicht ausreichende Versorgungssicherheit in Deutschland sorgen für Schlagzeilen und erregte Diskussionen.

Aber wo liegen die Lösungen? Und sind sie wirklich unabhängig von dem Nachhaltigkeitsversprechen zu sehen? Wir wollen Ihnen in dieser und in der folgenden Ausgabe dazu ein paar Anregungen geben. Im ersten Teil zeigen wir einen Ansatz auf, um die Abhängigkeit von Erdgas kurzfristig zu reduzieren und sich gleichzeitig nachhaltig aufzustellen. Im zweiten Teil werden wir gezielt zu den Fördermöglichkeiten bei der operativen Umsetzung Stellung beziehen.

Erdgas – unentbehrlicher Grundstoff für die Energieversorgung in Deutschland

Die Abhängigkeit von Erdgas lässt sich nur in den seltensten Fällen kurzfristig komplett aufheben. Jedoch lassen sich schnelle, gezielte Maßnahmen einleiten, die den Gaseinsatz spürbar verringern können, ehe mittelfristig das Erdgas komplett aus dem Produktions- und Heizprozess in Industrie und Gewerbe genommen werden kann.

Somit sind zunächst die kurzfristig wirkenden Maßnahmen zur Erhöhung der Versorgungssicherheit gefragt. Erst im zweiten Schritt folgen dann die mittelfristig wirkenden Maßnahmen zur CO2-Neutralität und zur Kostenreduzierung .

In dem energiewirtschaftlichen Beratungshaus 3Energie Consulting (3EC) haben meine Kollegen und ich ein modular aufgebautes Vorgehens-Konzept erarbeitet. Es kann jedem individuellen Industrieunternehmen dazu dienen, eine erhöhte Versorgungssicherheit bei gleichzeitiger Reduzierung der betrieblichen CO2-Emissionen zu erreichen.

Modul 1+2: Situationsanalyse und Risikoabschätzung

Die Grundlage dafür bildet eine „Energie-Anamnese“: Es ist zwingend erforderlich, den aktuellen Energieeinsatz ganzheitlich zu analysieren (einschließlich Sichtung der bestehender Lieferverträge) und dabei alle relevanten technischen Prozesse zu erfassen – wie auch alle bereits durchgeführten Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz. Ebenso unumgänglich ist eine genaue Analyse der individuellen Anschlusssituation des Unternehmens im deutschen Erdgasnetz. Zusammen mit einer kompetenten Bewertung der aktuellen Gasliefersituation führt das zu einer soliden Einschätzung: Wie hoch ist das Risiko einer möglichen Gasabschaltung im individuellen Unternehmen wirklich?

Modul 3:  Ersatzoptionen für Erdgas und interne Prioritätenlisten

Welche kurzfristigen Maßnahmen kann ein Unternehmen einleiten und umsetzen, um die Versorgungssicherheit zu erhöhen? Um diese entscheidende Frage zu beantworten, werden realistische Substitutionsmöglichkeiten zum Erdgas – vertraglich und technisch – aufgelistet und auf Umsetzbarkeit geprüft. Eine Prioritätenliste legt fest, welche einzelnen Verbraucher die Unternehmensverantwortlichen im Notfall schrittweise abschalten können. Diese Liste muss technisch überprüft und optimiert werden. Und es ist zu prüfen, ob kurzfristige Effizienzmaßnahmen dazu helfen können, den Energieeinsatz zu senken, ohne zu unnötigen Investitionen und einer entsprechenden Kapitalbindung zu führen.

Das Modul 3 zeigt auf, welche individuell umsetzbaren Maßnahmen zu einer höheren Versorgungssicherheit im Unternehmen führen können. Die Maßnahmen müssen jedoch schon jetzt daraufhin abgeklopft werden, ob sie auch dem Ziel einer Reduzierung der CO2-Emissionen Rechnung tragen.

Wie die Erfahrung zeigt, gibt es in vielen Fällen mehr kurzfristig wirkende Maßnahmen, um die Produktions- und Lieferfähigkeit eines Unternehmens abzusichern, als sie die Beteiligten anfangs sehen. Aber bei aller Sorgfalt ist hier auch Eile geboten: Die aktuelle Lieferkettenproblematik könnte die eine oder andere Kurzfrist-Maßnahme konterkarieren.

Modul 4: mittel- und langfristige Maßnahmen

Mittelfristig muss es das Ziel sein, für das Unternehmen ein klimaneutrales, dezentrales und „erneuerbares“ Energiekonzept zu erarbeiten. Denn nur ein solches Konzept ist dazu geeignet, auf längere Sicht die Autarkie und Energieeffizienz in der Firma zu erhöhen und ihre Energiebezugskosten zu senken.

Die Transformation des firmeneigenen Energiesystems ruht dabei auf drei wesentlichen Säulen:

  • Erhöhung der Energieeffizienz (= „Energie einsparen, wo immer es vernünftig ist“)
  • Ausbau der erneuerbaren Energieerzeugung ( = „möglichst viel Energie selbst erzeugen“)
  • Intelligente Verteilung und Nutzung (= „genau passende digitale Systeme und Flexibilitäten nutzen“)

Für diese drei Säulen muss jede auf Nachhaltigkeit angelegte Energiestrategie Lösungen finden. Nur dann hat ein Unternehmen die Chance, auch in Zukunft weiterhin wettbewerbsfähig zu sein.

Insbesondere die langfristige Preis- und Versorgungssicherheit lokal erzeugter erneuerbarer Energie ist es, die für die Unternehmen auf Dauer den größten Mehrwert darstellt. Durch die aktuell sehr angespannte Situation im Gassektor wird die Bedeutung dieses Energieträgers deutlich:

  • Etwa 50 Prozent des gesamten deutschen Endenergieverbrauchs entfallen auf den Wärmesektor – d.h. bis zu 1.400 Terawattstunden (TWh) im Jahr.
  • Im Industrieland Deutschland hat die Industrie einen Anteil von 29 Prozent am Endenergieverbrauch.
  • Etwa zwei Drittel des industriellen Energieverbrauchs werden als Prozesswärme benötigt.
  • 85 Prozent des industriellen Wärmebedarfs werden aktuell mit fossilen Brennstoffen gedeckt.
  • Jährlich verpuffen etwa 200 TWh an industrieller Abwärme ungenutzt.

Auch bei der Lösungsfindung für Industrieunternehmen spielen individuelle Maßnahmen eine wesentliche Rolle. Diese Lösungen kann man nicht von der Stange kaufen. Man muss sie sich erarbeiten. Die ganzheitliche Optimierung des gesamten Energiesystems ist dabei der Schlüssel zum Erfolg.

Die Gasversorgung der deutschen Wirtschaft – Teil 2

In der September-Ausgabe von r.energy zeigt unser Experte auf, wie die operative Umsetzung des Energieumbaus im Unternehmen angegangen werden sollte – und welche Fördermöglichkeiten Sie dabei in Anspruch nehmen können.

Zur Person: Pavel Kusch

Pavel Kusch ist einer der Gründer und Partner in dem energiewirtschaftlichen Beratungshaus 3Energy Consulting (3EC) in Isernhagen bei Hannover. Als Wirtschaftsingenieur mit dem Schwerpunkt Energiewirtschaft und Umwelttechnik war er auch in der wissenschaftlichen Forschung tätig, u.a. an der Hochschule Osnabrück.

Aufmacherfoto: Adobe Stock


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